Danijela

„Wir sollten uns weniger damit beschäftigen, wie unser Körper aussieht, sondern mehr damit, wofür wir ihn nutzen.“

danijela Porträtfoto

Ich bin 25, bin in Mils bei Hall in Tirol groß geworden und lebe seit zwei Jahren in Innsbruck. Seitdem arbeite ich bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Das ist mein erster richtiger Job nach dem Studium. Ich habe Jus und Politikwissenschaften studiert, engagiere mich freiwillig in vielen Vereinen, unter anderem bei PoBi (politische Bildung mit Kindern und Jugendlichen), UN Women, Sindbad und Juvenilia. Das muss ich jetzt reduzieren, neben dem Vollzeitjob wird es mir langsam zu viel (lacht).

Ich habe einfach das Bedürfnis, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, sogar das Gefühl, dass ich einen Beitrag leisten „muss“. Schon in der Schulzeit war ich Schulsprecherin und während dem Studium dann bei mehreren Organisationen aktiv. Und dann habe ich mir gedacht, ich muss irgendwie etwas Eigenes machen und habe 2019 einen Verein für Frauenrechte und die Besserstellung von Frauen gegründet, den Juvenilia Club Innsbruck. Ich möchte mich nämlich für eine Welt einsetzen, in der es selbstverständlich ist, dass Frauen*rechte in unserer Gesellschaft gleichberechtigt ihren Platz finden.

„Du musst mehr machen als andere, damit du nicht mehr als fremd gesehen wirst.“

Ich glaube, dass ich selbst sehr viel Glück hatte. Meine Eltern haben mich immer sehr unterstützt, ihnen war Bildung immer sehr wichtig. Es war aber auch ein gewisser Bildungsdruck da. Meine Eltern sind aus Serbien nach Österreich gekommen, damit ihre Kinder es einmal besser haben. Aus diesem Wissen heraus hat sich bei mir ein großer Ehrgeiz entwickelt. Ich bin in Österreich geboren, aber anfangs waren meine Deutschkenntnisse nicht so gut. Im Gymnasium hatte ich Mentor:innen, die an mich geglaubt haben und mich so auch gestärkt haben.

Kürzlich habe ich mich selbst gefragt: „Wieso machst du eigentlich so viel, vor allem freiwillig?“ Ich möchte einfach gesellschaftlich etwas verändern und einen Beitrag leisten, aber mir ist auch klar geworden, dass meine Eltern mir immer gesagt haben: „Du musst mehr machen als andere, um akzeptiert zu werden, damit du nicht mehr als fremd gesehen wirst.“ Das ist immer noch in mir drin, auch wenn es nicht mehr stimmt. Jetzt bin ich genauso privilegiert, habe studiert und bin Gleichbehandlungsanwältin. Meine Eltern sind natürlich sehr stolz auf mich. Ich bin die erste in der Familie, die einen Studienabschluss hat.

Aus der patriarchalen Familie in eine neue Zukunft

Bei uns zuhause war die Aufgabenverteilung klar. Mein Vater kam zuerst allein nach Österreich, hat am Bau gearbeitet. Meine Mama kam später nach, hat Teilzeit als Reinigungskraft gearbeitet, sich um uns Kinder gekümmert und zuhause alles gemacht – eine Powerfrau einfach. Ich werfe meinen Eltern gar nichts vor, trotzdem ist mir bewusst, dass ich in patriarchalen Strukturen groß geworden bin. Jetzt ist mein Vater in Pension und vieles hat sich geändert. Auch, weil wir Kinder das immer wieder angesprochen haben, dass wir die Aufgabenteilung so nicht fair finden. Jetzt hilft mein Vater zuhause auch mit.

Warum es sich lohnt, Gleichbehandlung einzufordern

Die Arbeit bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft bereichert und inspiriert mich sehr, da ich mich seit jeher für das Thema Gleichbehandlung interessiere. Wenn sich jemand an die Gleichbehandlungsanwaltschaft wendet, versuchen wir, eine außergerichtliche Einigung zu erreichen. Es kann dabei zum Beispiel um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gehen. Bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft ist uns bewusst, dass nicht alle von Diskriminierung betroffenen Menschen zu uns kommen und die Dunkelziffer leider groß ist. Ich hoffe sehr, dass immer mehr Menschen sich trauen, aktiv zu werden – und wir damit zu mehr Gleichbehandlung in der Gesellschaft beitragen können.

Trotzdem sehe ich, dass wir oft sehr viel erwirken können. Das sind schöne Erfolgserlebnisse. Viele Frauen* kommen zu uns, weil sie vor allem wollen, dass anderen Frauen* nicht dasselbe passiert. Da ist eine große Solidarität zu spüren, das ist wirklich toll und wichtig. Diese Solidarität ist mir auch sowohl privat als auch bei Juvenilia extrem wichtig. Ich möchte für einen Gesellschafts- und Bewusstseinswandel beitragen, Denkmuster hinterfragen und weibliches Potenzial fördern. Denn: Wer Frauen* stärkt, stärkt die Gesellschaft.

Schönheitsdruck und Diskriminierung

Studien beweisen leider, dass normschöne Menschen es immer noch beruflich leichter haben. In meiner Schulzeit habe ich auch Leistungssport gemacht, ich habe Volleyball gespielt. Da wurden unsere Körper oft sexualisiert oder als Gradmesser für unsere Leistungsfähigkeit genommen. Eine weniger groß gewachsene, pummelige oder behaartere Spieler:in wurde dann gleich als langsamer und weniger sportlich eingestuft.

Das sind immer noch große Probleme, und Social Media macht den Schönheitsdruck auch noch stärker. Gleichzeitig glaube ich, dass durch Social Media auch viel Gutes passiert – immer mehr Menschen trauen sich, zu ihrem Körper zu stehen, viele Tabus werden gebrochen. In Berlin zum Beispiel dürfen Frauen* jetzt auch ohne Oberteil, also oben ohne, Baden gehen.

Ich finde, wir sollten uns grundsätzlich weniger damit beschäftigen, wie unser Körper aussieht, sondern mehr damit, wofür wir ihn nutzen. Wir sollten ihn dazu einsetzen, Gutes zu bewirken, anstatt ihn nur zur Schau zu stellen.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass Frauen* und Mädchen* selbstbestimmt, in wirtschaftlicher Unabhängigkeit und frei von sexualisierter Gewalt leben können. Ich wünsche mir, dass Frauen* auf dem Heimweg nicht mehr die Faust um den Schlüsselbund ballen müssen. Ich wünsche mir, dass gegendert wird. Und dass durchsetzungsfähige, starke Frauen* als solche bewundert und nicht als hysterisch belächelt werden. Ich wünsche mir Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt. Dafür setze ich mich ein.

Juli 2023

Skip to content