IDA

„Richte den Fokus auf das, was du hast, nicht auf das, was dir fehlt!

Meine Geschichte

Bild: OeAD_Klimpt

Ich bin als Kind der 70er Jahre in einer Arbeiter- und Bauernfamilie als viertes von fünf Kindern in Kärnten in einem zweisprachigen Gebiet geboren und aufgewachsen. Bei uns haben drei Generationen unter einem Dach gelebt. Meine beiden Großmütter waren sehr verschieden, eine war sehr konservativ, die andere moderner.

Körperliche Arbeit war in der Familie immer wichtig. Alle Kinder mussten immer am Bauernhof und im Haushalt mithelfen, geistige Arbeit hingegen hatte einen geringen Stellenwert, lesen wurde als Faulenzen gesehen. Das Frauenbild in meiner Familie war dementsprechend ein sehr traditionelles, trotzdem hat es sich aber in meiner Generation spürbar gewandelt. Mit zehn Jahren habe ich meinen Vater davon überzeugt, dass ich ins Gymnasium gehen darf. Im Familienrat, um den Küchentisch sitzend, habe ich damals schon gemerkt, dass nicht alle dafür waren, auch nicht alle Frauen. So habe ich früh gelernt, für mich selbst einzutreten. Mein Vater hat aber den Wunsch nach höherer Bildung als aufrechter Sozialdemokrat in der Bruno Kreisky-Ära sehr ernst genommen.

„Richte den Fokus auf das, was du hast, nicht auf das, was dir fehlt!“

Ohne Unterstützung in der erweiterten Großfamilie wäre es während meiner Schulzeit nicht gegangen. Ich wurde von meiner Oma, meinen Tanten, und von der Nachbarin unterstützt. Da habe ich gelernt: Man muss es nicht allein schaffen.

„Seid stolz, eine Frau zu sein“, hat meine Oma immer zu mir und meinen Schwestern gesagt.

Meiner jüngeren Schwester habe ich meine Erfahrungen auch mitgegeben: „Wenn du etwas erreichen willst, dann musst du es aussprechen, erklären, warum du es willst und dich auch länger darum bemühen, wenn du es nicht gleich erreichst. Gib niemals beim ersten Mal auf!“

Freude am Tun und Lernen

Mein heutiger Beruf beschäftigt sich mit europäischer Integration und Bildung und entspricht damit stark dem, was mir persönlich wichtig ist. Seit elf Jahren arbeite ich in der OeAD-GmbH, der österreichischen Agentur für internationale Mobilität und Kooperation in Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur. In der Abteilung Europäische Bildungszusammenarbeit und –mobilität wird das Erasmus+ Programm verwaltet. Ich arbeite im Team Berufsbildung und berate und begleite internationale Kooperationsprojekte. In diesen Projekten werden neue Methoden, Materialien und neue Lehrpläne entwickelt. In den Bereich der beruflichen Bildung gehören auch Projekte, die den Zugang zu beruflicher Weiterbildung verbessern oder insgesamt das Lernen am Arbeitsplatz ermöglichen.

So durfte ich auch mit den drei Erasmus+ Projekten von Frauen im Brennpunkt in Kontakt kommen. Die Themen wie der Wiedereinstieg von Frauen in den Arbeitsmarkt durch den verbesserten Zugang zu Weiterbildung, die gendergerechte Auswahl von Arbeitnehmerinnen durch Bereitstellung überarbeiteter Tests für Arbeitgeber/innen und das aktuelle Projekt zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, bei dem Sensibilisierungsschulungen für Führungskräfte und Multiplikatorinnen entwickelt werden, sind meiner Meinung nach immens wichtig.

Durch meine tägliche Arbeit erkenne ich, dass mein Leitspruch „Steter Tropfen höhlt den Stein“ nach wie vor funktioniert. Ich freue ich mich darüber, dass einige der entwickelten Materialien und Methoden in die unterschiedlichen Bildungssysteme übernommen werden.

Im Rahmen meiner Arbeit habe ich auch mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun, deren Arbeitsschwerpunkte sehr vielfältig sind. Ein Beispiel: Die Landesfeuerwehrschule Tirol koordiniert das Erasmus-Projekt „SAFEINTUNNELS“ mit dem Thema Sicherheit in langen Straßen- und Eisenbahntunneln. Die Ergebnisse werden auch im Brennerbasistunnel zum Einsatz kommen. Dieses ständige Lernen neuer Inhalte macht mir viel Freude und motiviert mich, auch weiterhin in diesem Bereich zu arbeiten.

Vorbild sein und für gleichen Lohn kämpfen

„Ich wünsche mir in einer Welt zu leben, in der es egal ist, ob man ein Mann oder eine Frau ist. In einer Welt, in der es egal ist, welche Hautfarbe und sexuelle Orientierung man hat, welcher Religion man angehört. Frauen sollen die gleichen Chancen haben wie Männer. Das beginnt in der Familie, im Kindergarten, in der Schule – dort sollten Kinder Vorbilder haben, die sie dabei unterstützen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Für mich bedeutet Gleichberechtigung, selbstbestimmt leben zu können. Dafür ist eine fair entlohnte Arbeit essentiell. Von 2008 bis 2013 war ich selbst im Bundesfrauenvorstand des ÖGB aktiv und habe mich intensiv mit der Arbeitswelt von Frauen beschäftigt. Darum weiß ich heute: gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist das wichtigste, was wir heute für eine echte Gleichberechtigung fordern können.

September 2020

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