REBECCA

„Die Milchpumpe ist nach der Pille das wichtigste emanzipatorische Werkzeug.“

Wo ich herkomme

Ich bin gebürtige Innsbruckerin. Meine Mutter war Grafikerin bei der Tiroler Tageszeitung und hat uns als Familie mit einem Halbtagsjob durchgebracht. So hatte ich schon eine Nähe zum Zeitungsgeschehen, damals dachte ich aber gar nicht, dass ich Journalistin werden würde. Ich habe immer sehr viel gelesen. Meine Mutter musste mir teilweise sagen: Nur ein Buch pro Tag! Geh‘ auch mal raus! Sogar auf meiner eigenen Geburtstagsfeier habe ich gelesen.

Eigentlich wollte ich Jus studieren. Nach einem Jahr Studium in Innsbruck bin ich aber gemeinsam mit meinem Mann nach Darmstadt gegangen, um Onlinejournalismus zu studieren. Die Stimmung dort war toll. Die Studentenszene ist sehr lebendig. Mich hat es inspiriert, in einem Umfeld zu sein, in dem alle dasselbe wollen. Wir haben ein Studentenmagazin gegründet und fast 10.000 Stück pro Monat produziert, ohne wirklich Geld zu haben. Später haben wir noch einen Verlag gegründet, ein Buch und ein größeres Magazin gemacht. Mit vielen unserer Ideen waren wir ein paar Jahre zu früh dran und haben viel Geld in den Sand gesetzt, aber ich konnte für meine berufliche Laufbahn wahnsinnig viel lernen.

Familie und Karriere – Warum nicht?

In dieser Zeit, noch im Studium, wurde ich das erste Mal schwanger. Ich habe für das Studentenmagazin eine Story gemacht über eine Jus-Studentin, die schon zwei Kinder hatte. Sie erzählte mir, dass das für sie die allerbeste Entscheidung war. Also dachte ich: Warum nicht? Und es hat wirklich gut funktioniert.

„Ich war halt ein Alien an der FH, es gab ja nicht wirklich einen Ort, wo man Milch abpumpen konnte, das habe ich dann auf der Toilette gemacht.

Aber alle rund um mich sind sehr entspannt damit umgegangen.

Später sind wir nach Frankfurt gezogen, ich war Redakteurin bei einer großen Tageszeitung. Dort habe ich etwas erlebt, worüber ich rückblickend sagen muss: Ich war nicht solidarisch genug. Mein Vorgesetzter hat mich sehr gefördert, während eine meiner Kolleginnen mit sexistischen Äußerungen von ihm zu kämpfen hatte. Damals habe ich nicht so verstanden, was ihr Problem war. Eine andere Kollegin hat sich glücklicherweise sehr dafür eingesetzt, dass er gehen musste.

Diese Zeit war sehr anstrengend. Ich habe viel gearbeitet, meine zwei Buben waren noch klein. Beim Abholen von der Kinderkrippe war ich immer die Letzte. Wir haben in Frankfurt vierzig Kindergärten kontaktiert, bis wir einen Platz gefunden haben.

„Keine Kinderbetreuung zu finden, ist fast wie keine Wohnung zu haben. Es war wirklich sehr stressig.“

Als wir zurück nach Tirol gekommen sind, war es bedeutend einfacher.

Kinderbetreuung ist Teamsache

Einen Sohn habe ich schon mit acht Monaten zur Tagesmutter gegeben, bei meiner Tochter danach habe ich mir etwas mehr Zeit gelassen. Ich habe schon gemerkt, dass Mütter sehr in der Kritik stehen, wenn sie viel arbeiten.

„Bei uns ist es so, dass mein Mann sicher 60 Prozent der Familienarbeit übernimmt. Und es kommt natürlich vor, dass er dann beim Laternen basteln der einzige Mann ist.

Von der Schule aus werde trotzdem meistens zuerst ich kontaktiert, bevor sie versuchen, ihn anzurufen. Ich halte es für sehr wichtig, dem Vater schon sehr früh viel Zeit mit den Kindern zu lassen. Die Milchpumpe ist, finde ich, nach der Pille das wichtigste emanzipatorische Werkzeug. Wir haben die Kinderbetreuung immer sehr positiv für die Kinder empfunden, denn wir können gar nicht all das leisten, was dort passiert. Das hat der Corona-Lockdown besonders deutlich gemacht.

In Tirol war ich zuerst freie Journalistin. Das war herausfordernd, auch weil ich von Zuhause aus gearbeitet habe und ich fast automatisch mehr Familienarbeit übernommen habe. Beim 20er habe ich mich beworben, als die Chefredaktion ausgeschrieben wurde. Das ist wirklich ein Traumjob. Ich habe sehr viele Gestaltungs- und Entscheidungsräume, arbeite im Team, bin Teil eines großen Ganzen. Das macht mir viel Spaß.

Mein Blick auf Gleichberechtigung, damals und heute

Als wir im Sommer 2020 die Leserschaft nach Sexismus-Erfahrungen gefragt haben, war ich etwas enttäuscht, dass fast nur Frauen sich zu Wort gemeldet haben. Ich hatte gehofft, dass auch Männer ihre Erfahrungen reflektieren, egal ob eigenes Verhalten oder das, was sie beobachtet haben. Sehr viele wollten anonym bleiben, was schon zeigt, dass es immer noch stark stigmatisiert ist. Ich selbst sehe das heute anders als damals in Frankfurt und verstehe das Problem.

„Es ist ganz schwer, von außen zu entscheiden, was schlimm ist und was nicht. Ich kenne überhaupt keine Frau, der nie irgendwas passiert ist.

Aber mit seinem Namen dazu stehen zu müssen, das ist immer noch unangenehm.

Meine Mutter war immer sehr feministisch. In der Pubertät habe ich das abgelehnt, meine Rebellion war es also, mir einen BH zu kaufen und mich zu schminken. Ich habe mich gleichberechtigt gefühlt. In der Bildungsphase sind ja Frauen meistens vorne mit dabei, erst im Berufsleben und vor allem durch die Mutterschaft habe ich mich mit anderen Frauen solidarisiert.

Gleichberechtigung ist für mich ein menschliches Grundrecht und betrifft Frauen genauso wie beispielsweise Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Solange es marginalisierte Gruppen gibt, die strukturell benachteiligt werden, muss es Regelungen geben, die diese Gruppen unterstützen – bis sie nicht mehr benachteiligt werden. Mein Zugang zum Thema ist auch stark mit meinem journalistischen Grundverständnis verbunden: Wenn ich etwas erreichen will, muss ich Dinge so beschreiben, dass mein Gegenüber sie versteht.

„Wir müssen immer damit rechnen, dass jemand die Anliegen des Feminismus nicht versteht, und geduldig sein, sie immer wieder zu erklären.

Wir können die Dinge zum Besseren verändern

Ich habe mir vorgenommen, meine Lebenszeit nicht für etwas Schädliches zu nutzen. Die Entscheidung, bei einer Straßenzeitung zu arbeiten, war bei mir eine sehr bewusste. Es motiviert mich, mit jungen Kolleginnen zu arbeiten, diese teilweise auch fördern zu können, und eine Plattform zu haben, mit der wir selbst Themen setzen und bewusst etwas anders machen können. Wir achten darauf, dass Frauen und Männer möglichst ausgeglichen zu Wort kommen. Schon in der Recherche ist wichtig, beispielsweise nicht automatisch nach männlichen Berufsbezeichnungen zu googeln. Das habe ich bewusst umgestellt.

Ich bin guter Dinge, dass unsere Gesellschaft sich in einem raschen Tempo in eine gute Richtung entwickelt – auch wenn noch viel zu tun ist. Meine drei Kinder werden bestimmt trotzdem noch negative Erfahrungen machen und in irgendeiner Form auf Stereotype reduziert werden. Aber die heutige Jugend ist schon so viel cooler als wir das waren.

Oktober 2020

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