„Ich kann alle Frauen* nur ermutigen: Sucht euch Allies!“

Ich komme aus einer Familie von starken Frauen*. Meine Mutter hat mich und meine 6 Schwestern immer sehr gefordert und gefördert. Sie wollte, dass wir unseren Weg gehen, dass wir Chancen nützen, die sie nie hatte. Das hat mich geprägt. Ich habe neben zwei kleinen Kindern mein Studium abgeschlossen und als alleinerziehende Mutter eine Führungsposition angenommen. Das war nicht immer leicht, aber ich hätte es mir nie anders vorstellen können.
Beim Roten Kreuz leite ich den Bereich für Gesundheits- und Soziale Dienste; ich bin damit für rund 70 hauptberuflichen Mitarbeiter:innen und ca. 50 Freiwillige zuständig. Unser Ziel ist es, das Leben von Menschen in Tirol zu verbessern. Ein konkretes Beispiel: Unsere 22 „Team Österreich“-Tafeln, die es in fast ganz Tirol gibt. Hier bekommen Menschen mit niedrigem Einkommen oder armutsgefährdete Menschen einmal pro Woche kostenlos Lebensmitteln, z.B. aus Falsch-Etikettierungen, Überproduktionen oder Spenden.
Viele Organisationen haben die Bedürfnisse von Frauen* zu wenig am Schirm.
Als weibliche Führungskraft eines stark weiblich besetzten Bereichs beschäftige ich mich natürlich viel mit frauen*spezifischen Themen.
Ich denke, viele Organisationen haben zu wenig am Schirm, was Frauen* im Alltag beschäftigt. Wann werden Meetings angesetzt, wie werden die Dienstpläne gestaltet, ist Verständnis da für Themen wie Mental Load und die Mehrfachbelastung? Und ich gehe noch weiter, was ist mit Wechseljahren und Menstruationsbeschwerden? Da sind uns andere Länder, etwa Spanien, schon einiges voraus und hier braucht es noch viel mehr Sensibilisierungsarbeit.
Alle Frauen*, die in ihrer Arbeit wenig Verständnis erhalten, kann ich nur ermutigen: sucht euch Allies, sucht euch weibliche und männliche Kolleg:innen, sprecht diese Themen an und sucht dann gemeinsam Lösungen: Sei es ein Gespräch mit den Führungskräften, die Einbindung des Betriebsrats, einer Gleichbehandlungsstelle oder anderer formeller oder informeller Netzwerke.
Für Männer ist es oft selbstverständlich, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen.
Das gilt auch beim Thema Gehalt: Equal Pay wird von vielen Organisationen abgetan, es gäbe ja ohnehin klare Einstufungen, Kollektivverträge, Betriebsvereinbarungen. Aber für Männer* ist es oft selbstverständlich, aktiv nach einer Gehaltserhöhung zu fragen, wenn sie z.B. mehr Verantwortung übernehmen, neue Aufgaben bekommen. Für Frauen* nicht. Es müsste somit auch Aufgabe jeder Organisation sein, nicht nur die formalen Rahmenbedingungen zu betrachten, sondern sich auch zu überlegen: Wie verhalte ich mich zu solchen Phänomenen, wie gehe ich damit um?
Ja, Frauen* wollen weniger oft in Führungspositionen.
Da ist was Wahres dran, ABER: Es wird nie gefragt, warum sie das nicht wollen. Ich würde behaupten: in den wenigsten Fällen, weil sie sagen: Ich kann mir diese Führungsposition nicht vorstellen; sondern, weil sie sagen: ich kann mir unter diesen Umständen eine Führungsposition nicht vorstellen. In diesem gesellschaftlichen oder betrieblichen Klima oder auch aufgrund eines konkreten Kinderwunschs.
Väterkarenz ist ein wichtiger Ansatz, doch er scheitert oft an der Realität. Ich kenne Beispiele, da wurde es den Partnern sehr schwer gemacht, in Karenz zu gehen. Und später heißt es dann, eine Führungskraft kann nicht Teilzeit arbeiten, die muss präsent sein. Dabei habe ich persönlich die Zeit, in der wir als Team geführt haben, sehr positiv abgespeichert, ich habe es als sehr bereichernd empfunden. Wir sind insgesamt noch sehr eingefahren in der Vorstellung, wie Führung auszuschauen hat, was gerade Frauen häufig bremst. Es wäre Zeit, Führung neu zu denken und flexibler zu gestalten.
Vereinbarkeit bleibt immer noch an den Frauen hängen.
Heute sind meine Söhne groß. Aber als sie noch kleiner waren, lag es immer an mir, Betreuung zu organisieren, oft auch mit zusätzlichem finanziellen Aufwand. Ich habe das als Investition in meine Zukunft gesehen, auch wenn es schon auch eine Belastung war.
Und gleichzeitig bekommt man auch immer Kritik. Ich habe studiert, als ich Kinder bekommen habe, und da hieß es gleich: Wie kannst du nur deine Kinder so jung in Betreuung geben. Für mich war aber immer klar, ich will studieren, ich will mich weiter entwickeln und ich bin überzeugt: eine gute Mutter ist eine Mutter, der es selber gut geht. Was das ist, was sie dafür braucht, weiß jede selbst am besten.
Heute, rückblickend, merke ich erst so richtig, wie intensiv diese Mehrfachbelastung während dem Studium und später in der Arbeit war, wie sehr ich immer unter Druck stand: Ich musste an alles denken, alles organisieren, immer mindestens einen Plan B haben.
Man muss lernen, sich abzugrenzen und sich auf die eigenen Stärken besinnen
Um diesem Druck und der ständigen Bewertung von außen standzuhalten, muss man lernen, sich abzugrenzen – auch bewusst von Menschen, die einen negativ bewerten. Ich finde es auch wichtig, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und zu überlegen: was kann ich nicht so gut, was kann vielleicht das andere Elternteil oder jemand in meinem familiären oder Freundes-Netzwerk bessern? Was kann ich auslagern?
Mütter sind keine Übermenschen, die alles erfüllen, alles können, dabei liebevoll und verständnisvoll sind. Das kann niemand, von diesem Bild müssen wir uns verabschieden. Und wir sollten anerkennen, was sie alles leisten, was sie alles unter einen Hut bekommen, sie müssen organisieren, vernetzt denken, Konflikte lösen – im Grunde alles Führungsaufgaben. Tatsächlich würde ich behaupten, ich habe von meiner Familie und meiner Mutter wohl fast am meisten gelernt. Vielen Frauen* erzähle ich hier nichts Neues, aber es wäre wichtig, dass auch Männer mehr Bewusstsein dafür entwickeln.
Ich wünsche mir, dass man uns Frauen* zuhört und uns ernst nimmt.
Das wäre ein guter Anfang, um all die Dinge anzugehen und zu verbessern. Und ich wünsche mir, dass wir mehr wertschätzen, was die Frauen vor uns geleistet haben. Das waren unsere Wegbereiterinnen, obwohl sie viel weniger Handlungsoptionen hatten als wir. Wir dürfen ruhig öfter dran denken: Hinter dem, wo wir heute stehen, steckt schon ganz viel Frauen*power!
März 2026