Sarah

„Es darf sich nicht nur mein Leben dadurch verändern.“

Sarah Ager, Foto: Anna-Lena Duschl

Das habe ich meinem Mann gesagt, bevor wir eine Familie gegründet haben. Ich bin Content Creatorin, Podcasterin und Unternehmerin. 2018 habe ich meine Agentur gegründet, das Unternehmen war meine Lebensgrundlage, mein Einkommen, mein erstes Baby, so habe ich es damals auch gefühlt. In Karenz gehen und irgendwann wieder von vorne anzufangen war für mich keine Option.

Heute sind meine Zwillinge fünf. Und wir führen ein gleichberechtigtes Leben. Das war kein Selbstläufer.

Aufgaben aufteilen reicht nicht

Lange haben wir gedacht, wir machen das gut. Mein Mann macht seinen Teil, ich meinen. Am Papier passte es. Trotzdem war ich erschöpfter, der Kopf hat nie aufgehört zu drehen.

Irgendwann haben wir verstanden, worum es wirklich geht: nicht Aufgaben aufteilen, sondern Verantwortung aufteilen. Wirklich beide verantwortlich sein für die Dinge, nicht nur: ich führe die Aufgaben aus, wenn du mir sagst, was zu tun ist.

Mein Lieblingsbeispiel: „Schreib mir eine Liste und ich geh einkaufen.“ Klingt hilfreich. Aber wer denkt nach, was wir diese Woche essen? Wer schaut, was fehlt, was die Kinder brauchen? Wer schreibt die Liste? Das Einkaufen ist nicht die Aufgabe. Das Einkaufen ist der letzte Schritt.

Und die Wäsche auf der Couch zusammengelegt liegen zu lassen ist auch nicht erledigt. Erledigt ist, wenn sie im Schrank liegt.

Systeme helfen, wenn man vorher wirklich geredet hat.

Wir haben eine geteilte Einkaufsliste in den Apple-Notizen, einen gemeinsamen Familienkalender, ein festes Wochensystem. Ich hole die Kinder dienstags, Steff mittwochs, donnerstags meine Mama. Freitag sprechen wir ab. Das gibt so viel Entlastung, wenn man nicht immer wieder neu ausverhandeln muss. Diese Strukturen geben unglaublich viel Halt und vermeiden einen Teil der Diskussionen.

Aber all das funktioniert nur, weil wir sehr viele Gespräche und Diskussionen geführt und die noch so kleinen Aufgaben und Denkschritte wirklich sichtbar gemacht haben.

Für ihn war es Ausnahme. Für mich Selbstverständlichkeit.

Als Steff mit den Zwillingen spazieren gegangen ist, wurde er angesprochen. Von älteren Frauen, die das staunend beobachtet haben. Toller Papa. Ich habe mir dann immer gedacht: Wo ist meiner? Wo ist mein Applaus?

Das sagt viel darüber aus, was wir von Müttern erwarten und was wir von Vätern feiern.

Deshalb bin ich für verpflichtende Väterkarenz. Nicht die Weltreise-Karenz. Sondern: Er ist zuhause, er ist verantwortlich, die Frau geht in der Zeit arbeiten. Durch unser gleichberechtigtes Modell haben wir als Paar die Lebensrealität des anderen nie aus den Augen verloren. Wir wissen beide, wie anstrengend ein Tag mit kleinen Kindern ist. Und wie anstrengend der Erwerbsjob ist. Dieses gegenseitige Verständnis hat uns zusammengehalten.

Alle anderen kriegen es hin. Nur wir nicht.

Das ist eine Lüge, die Social Media erzählt. Und die wir uns manchmal auch gegenseitig erzählen. Ich habe mich mit Zwillingen oft wahnsinnig allein gefühlt, weil alle anderen nur ein Kind hatten und es scheinbar easy war. Bis ich angefangen habe, ehrlich zu sein. Über das Chaos, über die Erschöpfung, die eben auch Teil der Realität sind.

Die Reaktion war immer dieselbe: Erleichterung. „Danke, dass du es sagst. Ich habe immer das Gefühl gehabt, wir sind die Einzigen, die es nicht hinkriegen.“

Deshalb sprechen wir auf unseren Social Media Kanälen und auch im  Podcast sehr ehrlich über Eltern- und Partnerschaft und die Themen, die vermutlich alle beschäftigen, aber oftmals nicht so offen und ehrlich thematisiert werden.

Das System muss sich ändern.

Solange es einen Gender Pay Gap gibt, sind Frauen finanziell benachteiligt. Immer. Das ist kein persönliches Problem, das ist ein politisches. Wir brauchen Gehaltstransparenz, wir brauchen flächendeckende Kinderbetreuung, auch an Fenstertagen, auch in den Ferien.

Bei einer Veranstaltung habe ich einmal gefragt: Wie wäre es, den Wirtschaftsstandort so zu stärken, dass man die besten Rahmenbedingungen für Menschen schafft, die dort leben? Kinderbetreuungsplätze, ein wirkliches Supportsystem für Eltern. Die Reaktion: Applaus, Schulterklopfen. Und dann nichts. Man hat gespürt, dass sie es nicht ernst nehmen.

Was ich mir für meine Kinder wünsche.

Ich möchte ihnen mitgeben, dass sie als Frauen* alles werden können, was sie wollen. Dass sie selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können. Und den Selbstwert haben, sich eine Partnerschaft zu suchen, in der sie wirklich gleichwertige Rollen leben und sich mit weniger nicht zufriedengeben.

Das Kraftvollste, was ich kenne: wenn Frauen anfangen, sich miteinander zu verbinden und sich gegenseitig zu unterstützen. Man spricht ja oft von diesem Dorf, das man braucht. Ich glaube daran. Nicht allein da durchnavigieren müssen, nicht alles allein tragen müssen. Das verändert wirklich etwas.

Sarah Ager ist Content Creatorin, Podcasterin und Unternehmerin. Auf Instagram teilt sie ihr Leben als selbstständige Zwillingsmama und spricht offen und ehrlich über Partnerschaft & Elternschaft.

Juni 2026

Foto: Anna-Lena Duschl