JASMIN

„Wenn du etwas machen möchtest, dann kannst du das.“

Eine bunte Familiengeschichte mit vielen Stationen

In meinen ersten zwölf Lebensjahren bin ich fünf Mal innerhalb von Österreich umgezogen – das hing meistens mit den Berufen oder Familien meiner Eltern zusammen. Meine Eltern haben mich und meinen Zwillingsbruder adoptiert, als wir drei Jahre alt waren. Auch davor waren sie schon eine Zeit lang unsere Pflegeeltern. Diese besonderen Umstände meiner Kindheit haben mich sicher stark geprägt. Ich habe gelernt, immer wieder neu zu starten – als Einzelperson, die neue Kontakte knüpfen und von vorne anfangen muss, und auch als Familie. Aus all dem ist meine heutige Lebenseinstellung entstanden: Veränderungen gehören zum Leben dazu, und wir haben die Verantwortung, darauf zu reagieren. Das haben unsere Eltern auch bewusst mit uns thematisiert: „Du hast jetzt eine neue Chance, und es ist nicht immer leicht, aber setzen wir uns hin und entscheiden wir: Wie wollen wir diese neue Phase gestalten?“ Das ist eine große Stärke von ihnen.

Ich glaube das ist überhaupt sehr wichtig: auch in schwierigen Situationen bewusst die Verantwortung zu übernehmen und Stellung zu beziehen, seinen Weg selbst zu gestalten.

Das hat mich motiviert, Soziale Arbeit zu studieren. Ich möchte Menschen in Krisen begleiten, wieder mehr Handlungsmöglichkeiten zu sehen, und in der jeweiligen Situation bewusst zu entscheiden.

Am Berg sind nicht alle gleich

Ursprünglich bin ich gelernte Kindergartenpädagogin, habe dann in einer Vorschule unterrichtet und war für drei Semester in China. Zurück in Österreich war ich Betreuerin in einer stationären Einrichtung für Kinder und Jugendliche und bin parallel dazu Outdoorpädagogin geworden. Da habe ich dann Gruppen auf Klettersteigen, beim Canyoning und Klettern geführt. So konnte ich auch meine Liebe zum Bergsport ausleben.

Gerade beim Führen von Menschen am Berg ist mir aufgefallen, dass Männer und Frauen noch nicht als ebenbürtig gesehen werden. Menschen bekommen Kompetenzen aufgrund von Äußerlichkeiten und Geschlecht zugesprochen oder aberkannt. Ich musste mich sehr viel mehr beweisen als meine Kollegen. Oft hatten Leute Zweifel, sich bei mir, einer jungen, zierlichen Frau, ins Seil zu setzen, während sie bei männlichen Guides nicht gezögert haben.

Wenn ein Mann mit breiten Schultern sagt „Spring!“, dann springen die Leute. Wenn ich sage „Spring!“, dann sagen sie: „Spring du zuerst!“.

Da habe ich oft viel Humor gebraucht, um nicht den Spaß an der Sache zu verlieren.

Oft habe ich auch Bewunderung dafür geerntet, dass ich diesen Beruf mache, während das bei den Männern als ganz normal galt. Diese Bewunderung wollte ich gar nicht haben. Wichtig war, das Vertrauen der Gäste zu bekommen. Und das war als Frau manchmal gar nicht einfach.

Mit meinen Eltern habe ich das Gegenteil erlebt. Sie haben hier nie einen Unterschied zwischen meinem Zwillingsbruder und mir gemacht, sie sind mit uns beiden klettern und snowboarden gegangen. Sie haben uns beiden mitgegeben:

Wenn du etwas machen möchtest, dann kannst du das. Egal ob das „Typisch Mädchen“ oder „Typisch Bub“ wäre.

Sprechen wir übers Geld

Heute berate ich im Projekt inbus Menschen, die erwerbstätig sind und trotz ihres Einkommens in Armut leben oder armutsgefährdet sind. Das Ziel ist immer, die finanziellen Mittel der Person oder der Familie so zu erhöhen, dass sie ihren Alltag bestreiten können und aus der Armut herauskommen. Oft ist die größte Herausforderung, diese Menschen zu erreichen. Viele resignieren in dieser Situation und erwarten nicht, dass es dafür Hilfe gibt, oder sie schämen sich dafür.

Die Lebenssituationen sind ganz verschieden, Männer sind genauso betroffen wie Frauen. Insbesondere Alleinerzieherinnen kennen aufgrund ihrer Vielfachbelastung finanzielle Not. Besonders bitter ist es, wenn jemand dermaßen überlastet ist, dass auch die Zeit für eine hilfreiche Beratung fehlt. Oft gibt es aber doch noch irgendeine Perspektive, die man der einzelnen Person aufzeigen kann. Es ist wunderbar, nachhaltige Veränderungen, die langfristige Verbesserungen einer Lebenssituation bewirken, mitzuerleben.

Beruflich viel über Geld zu sprechen hat mir bewusst gemacht, wie dankbar ich sein darf, dass ich mir derzeit nicht viele Gedanken über meine finanzielle Situation machen muss. Das ist ein Privileg.

„Meine Arbeit zeigt mir, wie wichtig es ist, sich bewusst zu sein: Armut kann jede und jeden treffen, auch ganz unerwartet. Niemand sollte damit alleine bleiben.“

Nutzen wir unsere Möglichkeiten!

Vielen ist nicht bewusst, dass es zahlreiche Fördermöglichkeiten für Ausbildungen gibt, sodass auch die Lebenserhaltungskosten während der Ausbildung leistbar werden. Oft ist schon die Information über Möglichkeiten sehr hilfreich, denn eine Höherqualifizierung ist immer eine gute Investition, von der das eigene Einkommen stark profitieren kann.

Gehaltsverhandlungen sind auch ein wichtiges Thema. Wir dürfen den Wert unsere Arbeit nicht unterschätzen, sondern ihn auch einfordern. Ich erlebe, dass die meisten Menschen sich damit sehr schwertun. Insbesondere in der Krise werden solche Anfragen schnell abgeschmettert.

Ich wünsche mir für alle Frauen Chancengerechtigkeit und echte Wahlmöglichkeiten. Das bedeutet in meinen Augen ausreichend Information und Raum, um sich eine eigene Meinung zu bilden und sich bewusst zu entscheiden. Ohne Erwartungen aus dem Umfeld, ohne Druck, sei das im Bereich Sexualität, Familie, Beziehung, Beruf, Ausbildung, Kindererziehung und so weiter. Jede Entscheidung ist legitim, denn echte Emanzipation ist sehr divers und vielfältig.

Mai 2021

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